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1. Einleitung


Im Frühling 1995 wurde die Stiftung 'Naturlandschaft Sihlwald' ins Leben gerufen. Ziel dieser Stiftung ist es,

'... die Entwicklung der charakteristischen Landschaft, die vom Albisgrat, dem Sihlwald und dem Flusslauf der Sihl gekennzeichnet ist, in dem Sinne zu fördern, dass die natürlichen und naturnahen Waldökosysteme samt ihrer charakteristischen Tier- und Pflanzenwelt erhalten werden. Das Wirken der natürlichen Umweltkräfte und die ungestörte Dynamik der Lebensgemeinschaften sind langfristig zu gewährleisten. In diesem Gebiet ist eine den oben genannten Zielsetzungen angepasste Form der Erholung, des Naturerlebnisses und der wissenschaftlichen Forschung zu ermöglichen...'

Anschliessend an Ende der 80er Jahre erarbeitete Vorstudien (u.a. MEIER 1988) ist es mein Ziel, mit dieser Studie einen Einblick in das Raum-Zeit-Gefüge des Rehs als der einzigen häufigen Huftierart im Sihlwaldgebiet zu geben. Aus dieser Thematik wählte ich die folgenden zwei Forschungsfragen zur Bearbeitung aus:

Da diese Studie in der laufenden Anfangsphase des Projektes Naturlandschaft Sihlwald Pilotcharakter hat, ging es darum, grossflächige und flächendeckende Angaben über das Raum-Zeit-Muster der Rehe zu erhalten, um auf diese Weise die Aktivität des Rehes auch aus der Sicht der Nutzung des Waldes abschätzen zu können. Ich versuchte daher zuerst, anhand von Spurentaxationen und Stichprobeflächen die Rehverteilung im Sihlwald zu erfassen. Dabei stellte sich heraus, dass die Verteilungsschwerpunkte sehr viel lokaler bzw. punktueller sind als angenommen. Zum Teil bestanden sie aus Flächen von lediglich 100m2. Dies bedeutete, dass mit dem vorgesehenen extensiven Stichprobeverfahren entscheidende Strukturen nur mit geringer Wahrscheinlichkeit erfasst würden. Zudem waren die methodisch-technischen Schwierigkeiten wegen der sehr nassen Witterung so gross, dass diese indirekten Aufnahmeverfahren nach wenigen Monaten nicht mehr weiterverfolgt wurden. Das Schwergewicht wurde in der Folge auf direkte Beobachtungen in der Nacht unter Einsatz von Hightechgeräten wie Restlichtverstärkern und Wärmebildgeräten gelegt. Die Feldaufnahmen wurden zwischen Juli 1993 und August 1994 ausgeführt.

Da es in einem Gebiet dieser Art mit Direktbeobachtungen aus technischen Gründen nicht möglich ist, flächendeckend zu arbeiten, ergab sich der folgende Forschungsplan: Die mit den genannten Geräten in repräsentativen Ausschnitten des Gebietes erhaltenen Beobachtungsdaten sollten in einem ersten Schritt zu einer Habitatanalyse führen. Gestützt auf diese Analyse und auf ein bereits zur Verfügung stehendes Geographisches Informationssystem (GIS) konnte in einem zweiten Schritt eine Extrapolation auf das Gesamtgebiet berechnet werden.

Die Angaben in der Reh-Literatur über das Aktivitätsmuster von Rehen bzw. Rehpopulationen ergeben kein einheitliches Bild. Früher wurde das Reh als dämmerungs- und tagaktiv mit Nebenaktivitäten in der Nacht angesehen (BUBENIK 1960, KLÖTZLI 1965). Diese Einschätzung dürfte wenigstens zum Teil auf einen Mangel an geeigneten Beobachtungsgeräten für die Nachtbeobachtung zurückzuführen sein. Neuere Untersuchungen ergaben eine relativ gleichmässige circadiane Aktivität über 24 Stunden (u.a. CEDERLUND 1989). Verschiedene Autoren beschrieben den Tagesverlauf mit 6-11 Aktivitätsschüben in Abhängigkeit der Jahreszeit (KLÖTZLI 1965, TURNER 1983, VON BERG 1978, GUTHÖRL 1994), wobei im Winter die Aktivitätsperioden gleich lang wie im Sommer sind, die Ruhepausen dagegen verlängert werden (CEDERLUND 1980, TURNER 1980). CEDERLUND (1980) und GUTHÖRL (1994) fanden eine kleinere Aktivität am Tag als in der Nacht, wobei dies bei Cederlund in Schweden nur zwischen Frühling und Herbst zutraf. In mehreren Arbeiten werden die Dämmerungen als Zeitgeber für den Tagesrhythmus und für eine Verhaltenssynchronisation mit hoher Aktivität beschrieben (CEDERLUND 1980, TURNER 1980, VON BERG 1978). PRIOR (1968) und KURT (1991) weisen darauf hin, dass die Mondphase die Nachtaktivität beeinflusst, was jedoch BÄRTSCHI (1981) in einem intensiv von Menschen genutzten Gebiet nicht nachweisen konnte. GUTHÖRL (1994) fand in Wäldern mit starker Erholungsnutzung eine ausgeprägte Verschiebung der Aktivitäten in die Nacht. Ebenfalls im Zusammenhang mit Erholungsnutzung untersuchte MÜRI (1995) Rückzugsbiotope in Wäldern des schweizerischen Mittellandes und fand, dass die Anordnung des Wegnetzes die Verteilung der Rehe stark beeinflusst.

Einige Studien befassten sich mit unmittelbaren Reaktionen von Rehen auf Störungen durch Menschen bzw. auf menschliche Erholungsnutzung (STADLER 1985, GAISBAUER 1988). Über mittelbare Reaktionen auf solche Störungen ist relativ wenig bekannt. BIDEAU (1992) untersuchte die zeitliche Raumnutzung im Zusammenhang mit Tourismus an einer kleinen auf einer Insel ausgesetzten Rehpopulation. GUTHÖRL (1994) ermittelte die Aktivitätsmuster in einem Stadtwald mit starkem Erholungsverkehr.

Um tageszeitliche Verteilungsmuster von Rehpopulationen in Wäldern zu erfassen, sind die bisherigen Methoden wie Direktbeobachtungen (TURNER 1978, VINCENT 1991) oder Kot- und Fährtenzählungen (REIMOSER 1987, AULAK 1990abc) nicht geeignet. Direktbeobachtungen sind in der Nacht nicht in befriedigendem Masse durchführbar und die indirekten Methoden ermöglichen keine zeitliche Aufschlüsselung der Gebietsnutzung. Radiotelemetrie ergibt sehr gute Einblicke in die Habitatselektion von Einzeltieren (VON BERG 1978, KÖNIG 1987, MAUBLANC 1987, CEDERLUND 1980 & 1989, CIBIEN 1989, BJAR 1991, SELAS 1991, BIDEAU 1992, GUTHÖRL 1994, FLÜHMANN 1995), jedoch kaum zuverlässige Angaben aus der Perspektive des Waldes über dessen Gesamtnutzung. Dies wäre nur mit sehr hohem Aufwand und einem hohen Anteil an sendermarkierten Tieren (z.B. 60-100 Rehen im gesamten Sihlwald) zuverlässig zu bewerkstelligen. Eine derart aufwendige Telemetriearbeit samt Einfang und Markierung der Tiere hätte den Rahmen einer Diplomarbeit bei weitem gesprengt.


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